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"Jonny Star über die Parolen der Kunst, Feminismus und witzige Penisse"

Kunstkritikerin und Künstlerin Juliana Bardolim im Gespräch mit Jonny Star, Berlin November 2016

 

Bardolim: Bist du eine feministische Künstlerin?

Star: Ich werde als solche gesehen!

Bardolim: Dann fangen wir ganz grob mit den Parolen an. Die feministische "Parole" ist eine Vagina. Das Wort liegt im Titel eines berühmten Theaterstückes "The Vagina Monologues" von Eve Elsner, mit einer gezeichneten Vagina sind die polnischen Frauen zum Protest ausgegangen usw. Bei dir sehen wir überall einen Penis. Gibt's dabei für dich keine Dissonanz?

Star: Meine Kunst sehe ich autobiographisch. Ich beschäftige mich mit den ganz normalen alltäglichen Themen. Ich bin beim Penis gelandet, aus Ermächtigungssituationen heraus, weil ich es so in meinem Alltag nicht erlebe. Ich sehe keine männliche Nacktheit in der Öffentlichkeit, Penisse sind immer noch ein Tabu. Frauen sind nackt abgebildet, wo es nur geht. Aber selbst in der Kunst sind männliche Genitalien ein Tabu, was mich auch schockiert. Die Fotos, die ich in der letzten Zeit benutze, sind nicht für mich gemacht worden. Da posen Männer für Männer. Aber diese Nacktheit wirkt auf mich so ehrlich und ungestellt, dass ich mich darüber freue. Es gibt Fotos für Frauen, von Männern hergestellt, die mir, einer heterosexueller Frau, sagen, was ich dabei geil zu finden habe, oder angeblich geil finden soll. Aber das ist nicht das, was ich geil finde. Aber die Fotos, die ich bearbeite, finde ich einfach lustig und sexy. Und menschlich. Die sind aus Schwulenpornos der 70er, 80er Jahre, sie sind noch nicht glatt gebügelt, nicht glatt rasiert, sie sehen nicht so cool aus. Und wenn ich sie mit Swarovski Perlen besticke, ist das einfach eine Feier. Ein Feiern von diesen Körpern. Erst später habe ich bemerkt, was für ein Problem das verbreitet. Egal, Frau, Mann, schwul, lesbisch, dann kommt sofort ein neues Problem: das der Urheberschaft, es geht um mich persönlich: wer bin ich eigentlich bei diesen Bildern. Die Leute verstehen nicht, für wen soll das alles sein? Für alle. Ich besticke das auf „Hausfrauenart“, weil das einfach zur Welt gehört.

 

Bardolim: Es geht grundsätzlich um dein Vergnügen: zuerst als Zuschauerin und danach als Künstlerin?

Star: Ich bin Bildhauerin. Und das Foto allein interessiert mich nicht so sehr. Mich interessieren die Bedeutungen, die Geschichten, die ich darauf lege.

Bardolim: Welche Geschichten sind das?

Star: Das sind Bewegungen, Körperstellen, die ich umdeute, neu interpretiere. Da ist die Haltung einer Person, die ich zum Beispiel in eine andere Bewegung bringe und dadurch etwas anderes erzähle, als das direkte Foto.

Bardolim: Dann können wir mal in die Antike zurückschauen.

Star: Das hat auch was Barockes. Aber es geht für mich grundsätzlich um die Kunst in Alltag.

Bardolim: Lass uns zu der ersten Frage zurückkehren. Ist vielleicht eine Vagina nicht so witzig? Nicht so viel von diesem situativen Humor: Pose, Haltung?

Star: Da fängt gerade langsam ein Projekt im meinem Kopf an, wo es um die Vagina gehen könnte. Aber der erste Schritt für mich war, mit dem Penis zu arbeiten und für mich, als Feministin, ist das eine enorme Befreiung.

Bardolim: Man hat ein Gefühl, dass du damit auf einem fremden Feld spielst. Für eine andere Mannschaft. Dein Künstlername, so wie du aussieht, diese Serie von Arbeiten, alles vermittelt für einen abstrakten Zuschauer einen Eindruck, dass du wie eine Jeanne d`Arc bist. Kann das sein, dass du mit diesen Mitteln, vielleicht intuitiv, eine Position in der Männerwelt erobern willst?

 

Star: Es ist ein großes Feld. Ich arbeite seit Langem an dem Thema: "my gender is artist". Ich leide darunter, dass ich in einer patriarchalen Welt lebe. Ich denke, dass Kunst eine unglaubliche Kraft hat. Ich thematisiere eher unsere Gesellschaft. Und dafür brauchen wir viele neue Bilder. Ich will ein neues Feld schaffen, wo sich all diese Kategorien auflösen. Alle diesen Fragen: ist das ein Mann oder eine Frau oder lesbisch oder hetero – das ist da alles drin! Das stellt das ganze System, in dem wir leben, in Frage und unter eine Frage: Wie stehen wir zu diesem Werk?

 

Bardolim: Und wie? Welche Reflexionen hast du schon erlebt? Wie stehen wir zu diesem Werk?

 

Star: Verschieden. Die meisten Frauen fanden das am Anfang total schrecklich. Sie hatten keinen Bock, diese Penisse zu sehen. Und danach, fingen sie an, sich damit anzufreunden, es normal zu finden. Die Heteromänner füllten sich zuerst angegriffen. Aber dann haben sie auch den Humor verstanden. Diese Jungs auf den Fotos sind so toll. Und da stecken so viele Geschichten drin. Die schwulen Männer haben zu mir gesagt: ja, ja, das ist meine Welt, die Abbildungen gehören zu mir, aber warum ist das plötzlich öffentlich hier? Aber das verändert sich auch.

 

Bardolim: War das zuerst ein großes Problem, die Arbeiten zu zeigen?

 

Star: Und wie! Als ich eine Arbeit zum ersten Mal in Hagen im Osthaus Museum zeigen wollte, kam die Frage: darf das überhaupt an einer Wand hängen? Heute, 2015. Kann das da hängen? Ja, das kann da hängen, aber nur mit einem extra „Achtung“. Überall stand "Achtung"! Titten, Mösen können hängen, aber ein Penis - nein. Und dann klärt man, ob das pornographisch ist oder nicht. Beim modellieren ist das einfacher, da bewege ich mich selbst in einer anderen, eher mystischen, unkonkreten Welt. Als Bildhauerin modelliere ich seit über 20 Jahren, und ich hatte diese Probleme nicht: bei meinen Plastiken haben meine Wesen gleichzeitig weibliche und männliche Anteile. Oder der Körper ist auch gleichzeitig Kleidung und so weiter. Immer ist beides da. Es geht einfach darum, dass wir auch Beides sind. In verschiedensten Seinszuständen. Aber das ist ein Problem für ganz viele Menschen. Deutschland ist noch ein sehr konservatives Land.

 

Bardolim: Ich kann zustimmen, dass es sämtliche Bilder gibt, die Kindern nicht gezeigt werden. Was machst du aber mit erwachsenen Leuten aus anderen Kulturen, erwachsene Frauen, die das auch nicht sehen können oder wollen.

 

Star: Aber sie leben doch hier! Warum soll ich für sie entscheiden. Sie sollen selbst entscheiden, was sie sehen können oder wollen. Wenn sie sich in der Kunsthalle unwohl fühlen, dann gehen sie raus. So einfach ist das.

 

Free Your Soul 1, 2014


Bardolim: Was kannst du über die Popularisierung der Kunst sagen? Soll unser Publikum erzogen werden?

 

Star: Wer soll es erziehen? Ich will das nicht tun. Ich will einfach, dass Kunstwerke ernsthaft wahrgenommen werden. Ich erwarte von der Kunstwelt, dass sie sich mit dem Thema "Männer und Frauen" beschäftigt. Und Sex gehört zu unserem Leben, zum Alltag. Ich will meine Kunst über dieses Thema machen und keinen erziehen. Es reicht mir schon, dass ich ständig zähle. Ich zähle seit 30 Jahren, wie viel Männer sind bei dieser Ausstellung vertreten, wie viel Frauen dort. Weil ich Feministin bin, das ist in mein Blut übergegangen. Und jede Gruppenausstellung, die nicht die Chance nimmt, ein Gleichgewicht zu schaffen, die vergibt die Möglichkeit, unsere Gesellschaft zu verändern. So sehe ich das. Auf dem Level will ich auch erziehen. Auf dem Level möchte ich Bewusstsein schaffen.

 

Bardolim: Welche Rolle spielt dabei dein Künstlername?

 

Star: Ich spiele einfach damit. Das war und ist ein Experiment: wie weit stehen mir die Türen offen, die früher zu waren? Ist das wirklich so oder ist das nur eine Einbildung? Ich wußte, dass der Künstlername mich und meine Kunst verändern wir und nun gehört Jonny Star zu mir und meiner Kunst.

 

Bardolim: Macht dein Name dich stärker?

 

Star: Ja, das Außen ist anders. Es wird oft gedacht, ich bin ein Mann. Wenn man meine Arbeiten sieht, denkt man, ich bin ein schwuler Mann. Es gibt ganz starke Projektionen auf mich. Das finde ich super. Und der Name befreit mich auch. Ich bin wie ein Hofnarr: manche bediene ich, manche nicht, aber auf jedem Fall schaffe ich eine Irritation. Und das Bild, was sich die Menschen machen, ist so stark, auch wenn ich zum Beispiel bei einer Bewerbung mein Geschlecht als "weiblich" angebe, werde ich trotzdem als Mann angesprochen.

Bardolim: Das klingt, wie eine Dauerperformance. Möchtest du das irgendwie dokumentieren, um diesen Teil deines Lebens als eine künstlerische Aktion darzustellen?

 

Star: Ich habe daran noch nicht gedacht, aber wer weiß.

 

 

Juliana Bardolim ist Autorin und Künstlerin (mit Sergey Voronzov)
Autorin für die Kunst- und Kulturmagazine: ArtChronika, Artguide, GARAGE, Colta, Reihe eigener Publikationen mit dem Thema: Politische Kunst, Aktivismus, Performance
Buchveröffentlichungen: Арт Берлин (Art Berlin), 2016 PHILLIPS Moskau, Art Wien in 2017
Interviews u. a. mit: Artur Zmijevsky, Christoph Tannert, Juan Gaitan, Ellen Blumenstein, Katrin Becker, Hanna Magauer, Kirill Serebrennikov, Occupy Berlin Biennale, Irene Runge


Fotos von Jens Bösenberg

© Juliana Bardolim, Jonny Star