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 Space 5, 2020
Pigment print on fabric, fabric, Swarovski beads, wool, 100 x 135 x 10 cm, photo by jjimage

 

Gegen den Strom

Jonny Stars neue Wandbehänge mit dem Titel Space wirken wie Standbilder aus einer surrealen Filmszene. Sie zeigen menschliche Körper und Koi-Karpfen, die sich gemeinsam durch einen weißen Raum und scheinbar aus dessen Mitte heraus an die Oberfläche bewegen. Was dadurch für uns sichtbar wird, wirkt trotz der Dynamik der Körpergesten wie eingefroren. Träumerische Leichtigkeit steht hier einer Schwere gegenüber.

Mit Hilfe der digitalen Collage lässt die Künstlerin diese surrealen Bildmotive entstehen. Fotografische Vorlagen werden fragmentiert, coloriert und neu komponiert. Das Motiv wird auf Stoff übertragen und erfährt durch Stickereien eine zusätzliche materielle Schwere. Die verwendeten Swarovski Perlen und der das Motiv einrahmende gemusterte Stoff setzen das Bild durch ihre Funktion als kompositorische Elemente zusätzlich unter Spannung. Stoff und Perlen korrespondieren in ihrer fleischig roten Farbigkeit und tragen die Wandbehänge durch Glanz und Muster mit einer leichten, spielerischen Ästhetik an uns heran. Flimmernde, ineinanderfließende und teilweise über die Konturen hinauslaufende Farben lenken unseren Blick auf die Gesten der Protagonisten. Suggerieren sie Berührungspunkte mit dem Außen? Lassen sie die Grenze von Bildraum und Außenraum verschwimmen?

In der Auflösung der Bildoberfläche bietet uns Star die Möglichkeit an, in eine fremde Erlebniswelt einzutauchen. Ähnlich wie ein Aquarium, das einen Einblick und einen Bewegungsfreiraum erlaubt, über körperliche Gesten und Berührungen aber auch eine Limitierung erfahren lässt. Transparenz und Offenheit scheinen hier mit Verletzlichkeit und Einschränkung einherzugehen. Leichtigkeit und Schwere der künstlerischen Ausdrucksmittel evozieren Sinnbilder von Freiraum und Zwang, Vision und Erinnerung, Traum und Trauma.

Das Zusammenspiel von Mensch und Koi-Karpfen assoziiert die bedeutende Rolle der Tiere in der japanischen Kultur. Der Tradition nach, sind Kois, die sogenannten „Nishikigoi“, aufgrund ihres kraftvollen Wesens, ihrer Ausdauer und der Fähigkeit gegen den Strom zu schwimmen, ein Symbol für Stärke, Durchhaltevermögen und Mut. Sie können der Legende nach als einzige Tiere den „Gelben Fluss“ überwinden. Dann verwandeln sie sich in einen Drachen, der für Glück, Erfolg und Reichtum steht.  Kindern wird bis heute „Koinobori“, sogenannte „Wind-Koi“, auf ihrem Lebensweg mitgegeben und somit sinnbildlich die Werte der Kois. Diese vermitteln die Vision eines glücklichen und freiheitlichen Lebens, deuten aber auch auf Ziele hin, die sich mit denen des heutigen kapitalistischen Systems decken.
Sind wir denn richtig hier, in diesem Aquarium voller Karpfen? Sind die Werte von Erfolg und Reichtum auch unsere Werte? Oder ermutigen uns die Kräfte und Fähigkeiten der Kois, die Werte des Systems, in dem wir leben, umzudenken und auf unsere inneren Bedürfnisse zu lenken? Jonny Star legt mit ihren neuen Arbeiten Space eindrücklich und spielerisch offen, was es bedeuten kann, einen Blickwechsel zuzulassen: Träume zu leben und wohlmöglich Trauma zu begegnen.

Daniela von Damaros, Juli 2020

Against the Tide

Jonny Star's new wall hangings entitled Space look like stills from a surreal film scene. They show human bodies and Koi fish moving together through a white room and seemingly out of its center to the surface. What becomes visible to us as a result appears frozen despite the dynamics of the body gestures. Dreamlike lightness is contrasted here with heaviness.

With the help of digital collage, the artist creates these surreal motifs. Photographic templates are fragmented, colored and recomposed. The motif is transferred to fabric and experiences an additional material heaviness through embroidery. The Swarovski-beads used and the patterned fabric framing the motif put the image under additional tension through their function as compositional elements. Fabric and pearls correspond in their fleshy red colouring and bring the wall hangings to us through their shine and patterns with a light, playful aesthetic. Shimmering, merging colours, some of which extend beyond the contours, direct our attention to the gestures of the protagonists. Do they suggest points of contact with the outside? Do they blur the border between image space and exterior space?

In the dissolution of the picture surface, Star offers us the opportunity to immerse ourselves in a foreign world of experience. Similar to an aquarium, which allows an insight and freedom of movement, but also lets us experience a limitation through physical gestures and touches. Here, transparency and openness seem to go hand in hand with vulnerability and restriction. Lightness and heaviness of the artistic means of expression evoke symbols of freedom and compulsion, vision and memory, dream and trauma.

The interplay between man and Koi carp associates the important role of the animals in Japanese culture. According to tradition, Koi, the so-called "Nishikigoi", are a symbol of strength, endurance and courage because of their powerful nature, stamina and their ability to swim against the tide. According to legend, they are the only animals that can cross the "Yellow River". Then they transform into a dragon, which stands for luck, success and wealth.  Children are still given "Koinobori", so-called "Wind-Koi", on their way of life and thus symbolically represent the values of the Kois. These convey the vision of a happy and free life, but also point to goals that are in line with those of today's capitalist system.

Are we in the right place, in this aquarium full of Koi fish? Are the values of success and wealth also our values? Or do the powers and abilities of the Koi encourage us to rethink the values of the system we live in and to direct them to our inner needs? With her new work Space, Jonny Star impressively and playfully reveals what it can mean to allow a change of perspective: To live dreams and possibly encounter trauma.

Daniela von Damaros, July 2020