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 Space 3, 2020
Pigment print on fabric, fabric, Swarovski beads, wool, 100 x 135 x 10 cm, photo by jjimage

 

(Ver-)Schwimmen im Dazwischen

Jonny Stars textile Werkreihe aus Wandbehängen trägt den Titel Space. Doch auf welchen 'space', auf welchen Ort verweist sie? An welchen Ort begeben wir uns, wenn wir uns Space widmen?

Die Kois, jene Karpfen, die in der japanischen Tradition als besonders kraftvolle Fische gelten, lassen uns ins Wasser blicken. Der Legende nach sind sie die einzigen Fische, die die Wasserfälle des mythischen Gelben Flusses bezwingen können. Sie stehen daher für Stärke, Zielstrebigkeit und Ausdauer. In der Werkreihe teilen sie sich den Raum mit einem menschlichen Körper. Mal ist dieser vollständig zu sehen und scheint als die Künstlerin selbst erkennbar. Dann wiederum bleibt er lediglich fragmentarisch und verweigert sich einer eindeutigen Klassifizierung, insbesondere in Hinblick auf das Geschlecht. Dieser Körper ist in Bewegung. Wie die Fische bewegt er sich im Raum, nimmt ihn ein, verdrängt jedoch die Fische nicht. Vielmehr tritt der Körper in den Hintergrund, wird stellenweise sogar Teil der Fische. Oder sie Teil von ihm?

(Menschlicher) Körper und Kois (ver-)schwimmen.

Rote Swarovski Kristalle bedecken Körperstellen nicht nur, sondern scheinen sie zu erweitern und zu ergänzen. Die kleinen Schmucksteine werden seit Ende des 19. Jahrhunderts mechanisch und seit jeher mit Hilfe der Wasserkraft des Wattenbachs in Österreich geschliffen. In Space sind die Kristalle Teil des Wassers – gleichzeitig ist das Wasser Teil von ihnen. Natur steht in der Werkreihe demnach nicht im Widerspruch zu Kultur; ein gemeinschaftliches Leben scheint möglich, ja unausweichlich und notwendig. Wasser, Tier, Mensch und Technik werden als miteinander verbunden und sich ergänzend verstanden. Die nicht-binäre Koexistenz von Kultur und Natur, von Menschen und dem Wasser wird sichtbar. „We are all bodies of water! What we do to water, we do to every body, including ourselves“, schreibt die Wissenschaftlerin Astrida Neimanis in Bodies of Water. Posthuman Feminist Phenomenology (2017). Neimanis versteht Körper grundsätzlich als Teil der natürlichen Welt und nicht als von ihr getrennt oder ihr gegenüber privilegiert. Für sie sind Körper, egal welcher Spezies sie angehören, ob menschlich oder nicht, immer mit anderen Körpern in sozialer und materieller Hinsicht verflochten und miteinander verbunden. Wasser agiert dabei als eine Art Bindeglied oder Vermittler. Ihr wissenschaftliches Interesse an einer Auseinandersetzung mit Wasser hat so auch eine feministische Komponente: Neimanis verweist darauf, dass die meisten wirbellosen Wasserlebewesen zwischen männlich und weiblich oszillieren und viele Fische gleichzeitig männlich und weiblich sein können. Gender-queeres Leben ist im Wasser besonders reichlich vorhanden (2017: 130). So kann Wasser im Allgemeinen und das Meer im Speziellen als queerer Ort gelesen werden. Es bringt alle Arten von Körpern in intimen Kontakt, trotz und wegen ihrer Unterschiede.

Jonny Stars aktuelle Arbeiten sind stark von den Theorien von Astrida Neimanis, der Beschäftigung mit Wasser und Auseinandersetzung mit dem Außerweltlichen beeinflusst. Auch in Space scheint der Körper zwischen Mensch und Tier, zwischen Natur und Kultur und zwischen den Geschlechtern zu oszillieren. Was aber, wenn sich der dargestellte menschliche Körper gar nicht im Wasser befindet? Schließlich scheint er sich zwar zu bewegen, aber nicht zu schweben. Er ist senkrecht abgebildet, der Erdanziehungen ausgesetzt, die Beine scheinen auf einem Untergrund zu stehen. Doch der menschliche Körper besteht hauptsächlich bzw. zu fast 80 Prozent aus Wasser. Er ist daher Teil des Wassers und das Wasser ist Teil des Körpers. Wasser ist grenzüberschreitend, arten- und körperübergreifend und vereint Zeiten und Zeitlichkeit. So wird Wasser in Neimanis Verständnis ebenfalls zu einem Archiv und zu einem Wissensträger.

Auch Jonny Star versteht Wasser als ein Archiv. In Space treffen verschiedene Zeiten aufeinander: die Blumenprints der 1960er und 1970er existieren neben den (digitalen) Ästhetiken der 1990er und 2000er. In der collageartigen Textilarbeit verschwimmen diese Zeiten materiell miteinander. Materiell und visuell schafft Jonny Stars Space dadurch einen Ort des Dazwischen, einen Raum zwischen den Dichotomien fernab von Binaritäten. Die textile Arbeit wird zur Grundlage für eine queere Erforschung eines Ortes, an dem eine Art Schwebezustand herrscht und an dem ein Miteinander möglich ist. Ein Raum zwischen Wasser und Land, zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Gestern und Heute, zwischen Utopie und Realität. Ein Ort der Koexistenz und Interdependenz von Natur und Kultur, Mensch und Tier. Space zeigt auf, dass wir alle durch wässrige Interaktionen und Zirkulationen an der Welt, dem Gestern, Heute und Morgen beteiligt sind.

Sylvia Sadzinski, August 2020

 

Swimming in the in-between

Jonny Star's series of wall hangings bears the title Space. But to which 'space', to which place does it refer? To which place do we go when we devote ourselves to Space?

The koi, the carp fish, which in Japanese tradition is regarded as particularly powerful, invites us to look into the water. Legend has it that they are the only fish that can conquer the waterfalls of the mythical Yellow River. They symbolize strength, determination and endurance. In this series of works they share space with a human body. At times this body can be seen in its entirety and seems to be recognizable as the artist herself. Then again, it remains fragmentary and refuses to be clearly classified, especially with regard to its gender. This body is always in motion. Like the fish it moves in space, occupies it, but does not displace the fish. Instead, it recedes into the background, becoming a part of it, a part of the fish. Or is it the other way around?

(Human) body and koi swim and become blurred.

Red Swarovski crystals not only cover parts of the body but seem to expand and complement it. Since the end of the 19th century the small gemstones have been cut mechanically with the help of the water power of the Wattenbach stream in Austria. In Space the crystals are part of the water and at the same time the water is part of them. In the series of works, nature is not in contradiction to culture; a communal life seems possible, even inevitable and necessary. Water, animals, humans and technology are understood as being connected and complementary to each other. The non-binary coexistence of culture and nature, of us and water becomes visible. "We are all bodies of water! What we do to water, we do to every body, including ourselves", states scientist Astrida Neimanis in Bodies of Water. Posthuman Feminist Phenomenology (2017). Neimanis sees bodies as part of the natural world and not as separate from it or privileged towards it. For her, bodies, no matter what species they belong to, whether human or not, are always interwoven and connected with other bodies in social and material terms. Water acts as a link or mediator. Her scientific interest in dealing with water also has a feminist component. Neimanis points out that most aquatic invertebrates oscillate between male and female and that many fish can be male and female at the same time. Gender-queer life is particularly abundant in water (2017: 130). Thus, water in general and the sea in particular can be read as a queer space. It brings all kinds of bodies into intimate contact despite and because of their differences.

Jonny Star's current works are strongly influenced by the theories of Astrida Neimanis, the preoccupation with water and the examination of the extra and other-worldly. In Jonny Star's Space, the body seems to oscillate between man and animal, between nature and culture and between the sexes. But what if the depicted human body is not in water at all? After all, it seems to move, but not to float. It is shown vertically, exposed to the earth's gravitational pull, its legs seem to stand on the ground. The human body itself is made up of almost 80 percent water. It is therefore part of the water and the water is part of the body. Water crosses borders, crosses species and bodies. It unites time and temporality. In Neimanis understanding, water also becomes an archive.

In Jonny Star's Space different times collide: the flower prints of the 1960s and 1970s exist alongside the (digital) aesthetics of the 1990s and 2000s. In the collage-like textile work, these times are materially blurred together. Materially and visually, Jonny Star creates a place in-between, a space between dichotomies and far away from binaries. The textile works become the basis for a queer exploration of a place in which a kind of limbo prevails and in which togetherness is possible. It is a space between water and land, between figuration and abstraction, between yesterday and today, between utopia and reality, a place of coexistence and interdependence of nature and culture, human and animal. Space shows that we are all involved in the world - yesterday, today and tomorrow - through watery interactions and circulations.

Sylvia Sadzinski, August 2020