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wachen sein tot – Die Bronzen von Jonny Star

von Tina Sauerländer, Kuratorin, Berlin, 2015

Die Bronzen der Serien wachen“ (2009), „sein“ (2009) und „tot“ (2010) von Jonny Star bestehen aus je drei Einzelwerken. Die in Berlin lebende Künstlerin beschreibt mit ihnen Zustände des menschlichen Seins und die Schwellen ihres Übergangs.

Der „Schweinehund“, der „Hirschhase“ und die „Luxkatze“ der Serie „wachen“ erinnern an Chimären, an fiktive Mischwesen, die sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzen. Wie in Fabeln, geht es der Künstlerin um die Reflektion des Menschen und seiner Verhaltensweisen. Die drei Skulpturen fungieren als Wächter an der Grenze zu einer anderen Welt, und zwar zu einer psychisch-unbewussten Sphäre, die das eigene oder auch kollektive Wissen bewacht und bewahrt, aber auch zu einem märchenhaft-mystischen Kosmos führen könnte. Jonny Star verwendet Fundstücke aus der Natur. Ihr Vorgehen erinnert an das der Bildhauerin Germaine Richier (1902-1959), die ebenfalls Äste als knochig-lange Gliedmaßen z.B. für ihre „Insektenweiber“ oder für andere hybride Figuren einsetzte – und wie Jonny Star Mischwesen als Parabel auf das Menschsein schuf. Bereits in ihrer Serie „Dear Germaine“ (1998) beschäftigte sich Jonny Star mit dem Werk der französischen Künstlerin und formte ballerinenartige Figuren mit Flügelchen und Fühleransätzen.

Die drei lebensgroßen Büsten der Serie „sein“ erinnern ebenfalls an Fabelwesen, die abstrahierte menschliche und tierische Züge sowie Flügel aufweisen. Ihre körperliche Massivität steht im Kontrast zur Gestaltung und Patinierung der Oberfläche, die die Bearbeitung des Tonmodells durch die Künstlerin offenlegt. Die Spuren des knetenden und formenden Prozesses durch die Hände und Finger der Künstlerin sind spür- und sichtbar. Die Kraft ihrer Bewegung allerdings kommt im Material der Bronze zum Stillstand. Auch in diesen Arbeiten hat Jonny Star Fundstücke aus der Natur verwendet, Stöckchen und Baumpilze, die den Wesen aus dem Mund bzw. Rücken zu wachsen scheinen.

 

sein (mit Stock), 2009 © Jonny Star, Photo Jens Bösenberg

Wie schon bei „wachen“ und „sein“ verwendet Jonny Star bei „tot“ in der Natur gefundene Materialien. Die drei Arbeiten „halb tot“, „fast tot“ und „ganz tot“ beschreiben den Prozess des Sterbens in Form eines kleinen Vögelchens, das am Ende zusammengekauert und sich auflösend auf einem Baumpilz liegt. Die bereits bekannte Flügelform findet sich auch hier wieder. Der Prozess des Sterbens ist zwar ein trauriger, aber er symbolisiert zugleich einen möglichen Neuanfang und stellt somit selbst einen Übergang dar. Frei „wie ein Vogel“ kann die Seele nun die Schwelle in eine andere Welt überschreiten.

Die Formensprache der Arbeiten entsteht spontan während der Bearbeitung des Tonmodells. Die Künstlerin folgt den Impulsen aus ihrem Inneren, ihren persönlichen Erlebnissen und ihrem kulturellen Gedächtnis. Die in Ton geformten Arbeiten werden in Bronze gegossen und patiniert, um das finale Werk zu erhalten. Die verwendeten Fundstücke spiegeln den Prozess wieder, da sie den Bezug zur Natur fernab von Kultur versinnbildlichen und sich somit auf das innere Wesen auf einer psychologischen und biologischen Ebene beziehen. Da die Künstlerin in mehreren Arbeiten denselben Stock bzw. Ast wiederverwendet, verschmelzen die Bronzen von „wachen“, „sein“ und „tot“ zu einer offenen Einheit und beschreiben einen prozesshaften Zyklus, der als Gleichnis des Lebenskreislaufes dient. Die Arbeiten von Jonny Star weisen stets einen in Bewegung befindlichen Charakter auf. Die Flügel symbolisieren den Wunsch, sich fortzubewegen und in eine andere Welt überzutreten. Gleichzeitig beschreiben die Plastiken der Künstlerin den Zustand des Nicht-Fortkommens und Verhaftet-Seins im Hier und Jetzt und an Ort und Stelle, ausgedrückt durch die schwere Materialität der Bronze.

 

The bronzes of Jonny Star

by Tina Sauerlaender, curator, Berlin, 2015

The bronzes of the series wachen (to guard, 2009), sein (to be, 2009) and tot (dead, 2010) by Jonny Star each consist of three individual works. The Berlin-based artist uses them to describe states of human existence and the barriers to their transitions.

The Schweinehund (Pig-Dog), the Hirschhase (Stag-Hare) and the Luchskatze (Lynx-Cat) from the series wachen (to guard) are reminiscent of Chimaera or fictional blended creatures composed of different parts. As in fables, the artist is interested in the reflection of humanity and its behavior. The three sculptures function as guards to the border to another world, a sphere that is psychic-unconscious, guarding and preserving their own or collective knowledge, but which could also lead to a fairytale-mystical cosmos. Jonny Star uses found objects from nature. Her approach is reminiscent of the sculptor Germaine Richier (1902-1959), who also used branches as long, bony limbs for her insect human beings or other characters—and as Jonny Star, formed hybrid creatures as a parable of the human condition. Already in her series Dear Germaine, 1998, Jonny Star dealt with the oeuvre of the French artist and created ballerina-like figures with wings and antennae.

The three life-sized busts in the series sein (to be) are also reminiscent on fabled creatures that have abstracted human and animal traits and wings. Their physical solidity contrasts with the design and surface patina that exposes the artist's process of modeling in clay. Traces of kneading and forming by the artist's hands and fingers are seen and felt. However, the strength of their movement comes to a standstill in the medium of bronze. Also in these works, Jonny Star uses found objects from nature, sticks and tree fungus that seem to grow out of the mouth or back of the figure.

As previously in wachen and sein, Jonny Star uses found objects from nature in tot (dead). The three works tot (halb) (dead (half)), tot (fast) (dead (almost)) and tot (ganz) (dead (completely)) describe the process of dying through the form of a small little bird, which at the end is lying huddled up and disintegrating on a tree fungus. The now familiar wing shape is seen here again. The process of dying is indeed saddening, but simultaneously symbolizes a possible new beginning and thus in itself represents transition. Free "as a bird," the soul can now cross the threshold into another world. 

tot (fast), Bronze, 2010 © Jonny Star, Photo Jens Bösenberg

The formal language of work arises spontaneously during the creation of the clay model. The artist follows her inner impulses, personal experiences and cultural memory. The work molded in clay is then cast in bronze and given a patina to achieve the final work. The found objects used reflect the process again, as they symbolize the relationship with nature removed from civilization and thus refer to inner nature on psychological and biological level. Since the artist reused the same stick or branch in several works, the bronzes of wachen, sein and tot melt into an open entity and describe a process cycle, which serves as a parable of the life cycle. The works of Jonny Star always feature a character in motion. The wings symbolize the desire to move on and pass into another world. Simultaneously, the artist's sculptures describe the condition of non-advancement and arrested development in the here and now and place and location, expressed by the heavy materiality of bronze.